Veredlungswirtschaft im Wandel – Perspektiven für Tierhalter und Verarbeiter

Interview mit Ronald Lotgerink, CEO Vion Food Group

 

Herr Lotgerink, welche Faktoren prägen die Zukunftsperspektiven der Landwirtschaft und der verarbeitenden Unternehmen in den kommenden 5-10 Jahren am stärksten?

Zurzeit erzielen wir durch das rasante Exportgeschäft mit China gute Preise auf dem niederländischen und deutschen Schweinemarkt. Die derzeit positive Marktentwicklung überdeckt jedoch die Notwendigkeit, sich für die Zeit danach fit zu machen. Wenn alles normal läuft, ist der Chinaboom in drei Jahren vorbei. Wir müssen für die Zeit danach mit der Landwirtschaft und dem Handel neue Konzepte entwickeln und engere Ketten aufbauen.  

Ich erwarte außerdem, dass die Verbraucher in West- und Nordeuropa in zehn Jahren gut 30 Prozent weniger Fleisch konsumieren. Wir brauchen also nicht mehr die Menge wie bisher, wir brauchen Qualität. Und dafür ist es wichtig, schon heute Ketten aufzubauen, in denen wir genau die Fleischteile bekommen, die gewünscht werden.


Das hat zur Folge, dass wir mit der Landwirtschaft und dem Handel neue Konzepte entwickeln und engere Ketten aufbauen müssen, um die gewünschten Produkte anbieten zu können. Dazu brauchen wir andere Rassen, mehr Nachhaltigkeit, eine andere Fütterung und andere Gene.

 

Heißt das, man kann schon in der Mast besondere Ansprüche des Verbrauchers berücksichtigen und auch umsetzen?

Ja, das kann man. Wir in Holland sind Pilotland für solche Konzepte, die wir anschließend in dieser Qualität gern in Deutschland und in ganz Nordeuropa umsetzen möchten. Wir haben bereits eine Produktionskette gebildet, die neben dem Tierschutz auch den Klimaaspekt in der Fleischproduktion berücksichtigt. Das weisen wir auf den Verpackungen in der Fleischtheke aus.

Ich möchte diese Qualitätsketten mit unseren Kunden auf der Erzeuger- und Vermarktungsseite etablieren. Das ist die Zukunft mit höherem Ertrag bei weniger Volumen. Denn die Anforderungen der Kunden in den Heimatmärkten verlangen von uns eine Spezialisierung. Wir müssen bessere Produkte anbieten.

Insgesamt wird es eine Segmentierung des Marktes geben. Mit dem Robusto-Programm gelingt uns seit zwei Jahren beispielhaft gut, die besonderen Anforderungen zu erfüllen. Dazu haben die Landwirte mit Vion für Robusto langfristige Lieferverträge abgeschlossen. Wir erhalten genau diese besonderen Qualitäten für Schinken und Bäuche, die wir für unsere Kunden brauchen. Solche Ergebnisse bekommt man durch Haltung und Fütterung und auch mit der immer gleichen Herkunft der Tiere.

Wir wollen, dass schon in der Kettenproduktion differenziert werden kann, welche Märkte bedient werden. Denn in Asien und Afrika ist der Proteinbedarf auch in den nächsten Jahren sehr hoch. Dort wird eher noch mehr Fleisch verlangt. Diese Märkte werden wir in der globalen Vermarktung auch weiterhin beliefern.

Wie wirken sich die Änderungen der Rahmenbedingungen auf das Produktportfolio der Vion / der Fleisch verarbeitenden Unternehmen aus? Steigt bspw. die Bedeutung von „Tierwohlfleisch“ oder auch an fleischlosen Ersatzprodukten? 

Fleischersatzprodukte werden zweifellos wichtiger. Es handelt sich dabei zwar um einen Nischenmarkt, aber diese Nische ist so interessant, dass wir da mitmachen. Im nächsten halben Jahr starten wir unsere Produktion von veganen Schnitzeln, Burgern, Hackfleisch, Würstchen und unpanierten faserigen Geflügelfilets.

Unser Ziel ist es, wie im Fleischbereich eine enge regionale Kettenproduktion mit Landwirten aufzubauen. Die pflanzlichen Rohstoffe – Bohnen, Erbsen oder Kartoffeln – wollen wir vor Ort einkaufen. Das ist auch möglich. Die Bauern, die aufgrund der Veränderungen aus der Nutztierhaltung aussteigen, können unsere Partner bleiben und in Zukunft die Rohstoffe anbauen, die wir für unsere pflanzlichen Produkte brauchen. So wie wir uns weiterentwickeln und den Anforderungen des Marktes folgen, kann das auch die Landwirtschaft tun. Ich bin dafür, dass wir in Zukunft Partner bleiben.