Wir haben für die meisten Probleme eine Lösung

Interview mit dem Milchviehhalter Mirko Graff über eine zukunftsfeste Milcherzeugung

Foto: Graff

Sehr geehrter Herr Graff, welche Entwicklungen verändern die Rahmenbedingungen der Milcherzeugung am stärksten?

Am stärksten treffen uns in der Milchwirtschaft derzeit die ständig wechselnden Anforderungen der Gesellschaft hinsichtlich Tier-, Umwelt- und Klimaschutz. Wir stehen vor der spannenden Herausforderung oder dem Druck, dass die Anforderungen schneller als früher wechseln. Diesen Anforderungen müssen wir gerecht werden, aber auch darauf achten, dass sie Sinn machen, dass sie wissenschaftlich belegbar sind.

Wir machen weiß Gott nicht alles richtig in der Milchwirtschaft, sind aber mit großen Schritten dabei es zu verbessern. Eine Forderung lautet beispielsweise, Kälber fünf Tage bei der Kuh zu lassen. Es ist aber wissenschaftlich bewiesen, dass dann eine engere Bindung entsteht und dies einen Trennungsschmerz bei den Kühen zur Folge hat. Den will man auch nicht haben. Wir sind gerne bereit eines von beiden zu realisieren, aber beides gleichzeitig geht eben nicht.

Aktuell beherrschen drei Themen die öffentliche Diskussion: der CO2-Fußabdruck, Nährstofffrachten ins Grundwasser sowie das Tierwohl. An allen drei Punkten arbeiten wir auf unserem Betrieb. Bei den Nährstoffen haben wir auch dank unserer Biogasanlage einen absolut geschlossenen Kreislauf. Was das Tierwohl betrifft, haben wir relativ große, offene und luftige Ställe, aber auch in diesem Bereich muss man ständig weiter daran arbeiten.

Die Bevölkerung hätte gerne Mindeststandards zum Beispiel für die Erzeugung von Milch: Wie die Kuh gehalten werden muss, wie sauber sie sein muss, wie viel Wasser und Licht und Platz zum Laufen sie haben muss. Das sind einfache Tierwohlkriterien, die unserer Meinung nach ein absolutes Muss sind. Die führenden Molkereibetriebe setzen auf die Standards noch einen drauf. Aus Agrarsicht ist dies der richtige Weg. Wir nehmen auf, was gefordert ist und machen uns als Produzenten vernünftige Gedanken, was man noch verbessern kann und was wirklich Sinn macht. Wir haben für die meisten Probleme eine Lösung. Dann muss aber auch klar sein, dass dies Geld kostet.

Wo liegt die Zukunft der Milchproduktion in Deutschland – in der Produktion von „Commodities“ für den Export und die Belieferung des Discounts im Inland oder in der Erzeugung von Milchprodukten unter Erfüllung hoher Standards im Umwelt- und Tierschutz?

Ich sehe den einzigen Weg mittel- und langfristig in der Erzeugung von Qualitätsprodukten, also definitiv nicht bei Commodities. Nur absolut hochwertige Produkte bringen uns weiter.

Ins Ausland kommt man nicht nur mit Billigware. Wer sich Qualitätsware leisten will und dafür bereit ist, entsprechend Geld zu bezahlen, dann ist es egal, ob jemand im Mittleren Osten, Asien oder sonstwo lebt. Die Menschen im Ausland, die sich solche Produkte jetzt und in Zukunft leisten können, wollen mehr als Standartqualitäten, sie wollen hohe Qualitäten. Dabei ist es egal, ob das Produkt hier schon verpackt und exportiert wird oder ob man ein gebrauchsfertiges Pulver erstellt, das alles enthält, um vor Ort einen hochqualitativen Käse oder Joghurt zu erzeugen. Genau das wird mit der Milch aus unserem Betrieb gerade gemacht. Das ist für unseren Betrieb und auch für unsere Molkerei der Weg: Commodities müssen weniger werden, egal, ob im In- oder Ausland.

Dies alles muss aber auch bezahlt werden. Die Qualität, die wir liefern, muss sich im Preis wiederfinden. Man muss sich dann vielleicht auch einmal von dem einen oder anderen Markt verabschieden. Nur „immer billiger und billiger“ geht nicht mehr.

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Wie entwickeln Sie Ihre Milchproduktion in dem sich wandelnden Umfeld?

Letztlich muss jeder seinen eigenen Weg gehen. Wir haben uns dafür entschieden, uns mit Arla einer genossenschaftlichen Molkerei anzuschließen, bei der wir unsere Interessen wiederfinden und auch Einfluss nehmen können. Gleichzeitig müssen wir bei den Programmen, die unsere Molkerei und damit wir uns selber auferlegen, auch liefern. Dann muss ich akzeptieren, dass sich jemand kurzfristig anmeldet, um stichprobenartig zu überprüfen, ob ich meine selbst auferlegten Aufgaben erfülle. Wenn alles vernünftig aufgestellt ist, dann gibt das Ergebnis der Kontrollen jedes Mal mir etwas für meinen Betrieb an die Hand, zum Beispiel wo ich in Sachen Klauengesundheit oder Sauberkeit gerade stehe. Dann kann ich mir überlegen, ob es ein Problem von heute ist, weil es vielleicht gerade Durchfall in der Herde gibt, oder ob ich grundsätzlich etwas falsch gemacht habe. Dann muss ich dagegen arbeiten und es verbessern. Wenn ich etwas fordere, muss ich auch liefern. Und erst dann darf ich sagen: Lieber Bürger, bezahl bitte dafür.

Bei den bekannten Tierwohlprogrammen werden gewisse Fakten für jedes Tier und jede Haltungsform festgelegt, die der Bauer zu erfüllen hat. Auf unserem Betrieb halten wir nicht nur die Grundlagen ein, sondern legen noch einen drauf. Das ist Bestandteil eines Programms unserer Molkerei, das für uns bald greifen wird. Es umfasst alles im Bereich Milch – von der Hygiene beim Melken, der Milchlagerung und dem Halten der Kühe bis zur Erzeugung des Grundfutters. Die Milchbranche gibt sich damit ein Auditsystem vor, das absolut lückenlos ist. Dieser hohe Standard muss von den Verkäufern dann aber auch verkauft werden.

Wo sehen Sie den Agrarstandort Deutschland in 10 – 15 Jahren?

In Deutschland wird auch in Zukunft definitiv weiter Milch produziert. Ich bin der Überzeugung, dass generell jede Produktion in ihren Gunstregionen bleibt. Auf unserem Standort wird kein Ackerbau Fuß fassen, hierhin gehören Kühe. Nordeuropa eignet sich von der Witterung, den Möglichkeiten, vom Know-how und der Infrastruktur her absolut für die Milchproduktion. Viele andere Regionen in der Welt können dies nicht oder verlieren die Eignung dafür.

Wir machen unsere Sache schon heute gut. Nehmen wir etwa den CO2-Fußabdruck, der ausdrückt, wie viel CO2 zur Erzeugung von einem Liter Milch verbraucht wird. Der liegt weltweit im Schnitt bei circa 2,5 Kilogramm CO2 pro Liter. In Nordeuropa beträgt er 1,1 Kilogramm pro Liter und unser Betrieb ist bei 0,92 Kilogramm pro Liter angelangt. Dies zeigt, dass sehr viele milcherzeugende Regionen in der Welt diesen Standard und damit auch die Bedürfnisse des Bürgers nicht in dem Maße erfüllen wie wir. Das ist nur ein Beispiel, warum ich der Meinung bin, dass hier in Deutschland auf jeden Fall die Milcherzeugung weiter Zukunft hat – nicht an jedem Standort, aber großflächig.

Zur Person

Mirko Graff bewirtschaftet zusammen mit seinem Bruder einen Milchviehbetrieb mit 190 Hektar Dauergründland sowie rund 430 Tieren, darunter 250 melkenden Kühen, sowie des Weiteren eine Co-Fermentations-Biogasanlage mit angegliederten Entsorgungsbetrieb für Fettabscheiderinhalte.