Erfolgreiche Etablierung eines Tierwohl-Labels in Österreich

Beitrag von Ing. Christian Auinger, Schauer Agrotronic GmbH, Österreich

Foto: Auinger

Landwirt, Stallsystem, Schlachtbetrieb, Vermarkter und der Konsument. Das gute Zusammenspiel zwischen allen Beteiligen ist wesentlich für eine funktionierende Vermarktung. Jeder muss dazu seinen Beitrag leisten.

Landwirt:

Aktuell müssen sich die Schweinebauern mit sehr vielen Themen herumschlagen, einerseits mit zu wenig Transparenz in der konventionellen Stallhaltung, Stickstoff- und Phosphorüberschuss in den Intensivgebieten, Skandale auf den Bauernhöfen und in Schlachtbetrieben, aufgedeckt durch nächtliche Einbrüche von diversen Tierschutzorganisationen – der Druck durch NGO´s und Konsumenten steigt. Andererseits wird mehr Tierwohl gefordert, Themen wie Verbot von Vollspalten, Auslauf, Kastration unter Schmerzausschaltung, Ringelschwanz, Stroheinstreu etc. stehen bei den Diskussionen auf der Tagesordnung. Will dann jemand aus der aktuellen konventionellen Stallhaltung auf alternativere Systeme umsteigen, gibt es häufig Probleme mit den Genehmigungsbehörden, da Ställe mit Auslauf häufig noch als das schlechteste zu bewertende System gesehen werden. Zudem gibt es von der politischen Seite keine Entscheidungen. Diese Themen wurden kürzlich wieder bis auf Mitte des Jahres 2020 verschoben!

Lösungsansatz in Österreich:

In Österreich haben sich LEH, Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb, Stallbaufirma und Landwirte gefunden, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen und ein Gesamtkonzept zu entwickeln, von dem jeder profitieren kann. Natürlich war anfangs die Skepsis der Betriebe vorhanden, ob all diese neuen Systeme auch mit entsprechend zumutbaren Arbeitsaufwand funktionieren. Dazu braucht es einfach Pioniere! Gestartet haben 7 Landwirte, aktuell nehmen mehr als 30 Landwirte am Programm teil.

Stallsystem: (www.nature-line.com)

Angesichts der oben beschriebenen Probleme hat die Firma Schauer Agrotronic bereits 2013 begonnen, neue Konzepte zu entwickeln (unter anderem mit Unterstützung der Kollegen aus der Schweiz, welche bereits seit 20 Jahren mit ähnlichen Systemen arbeiten). Wir stellten uns die Frage, lassen sich die Themen Tierwohl und Emissionsreduktion miteinander verbinden? Entstanden ist daraus der mittlerweile patentierte „Emissionsarme Tierwohlstall“, in dem all diese Themen miteinander verknüpft wurden. Zum Thema Tierwohl sind dies getrennte Funktionsbereiche (Liegen - Fressen - Misten), eine dem Tiergewicht anpassbare Liegefläche, optional eine vollautomatisierte Stroheinstreu inkl. Entstaubungsanlage (80% Reduktion von Staub), ein fix im System integrierter Auslauf (vom Konsumenten einsehbar), welcher den notwendigen Bio Security –Maßnahmen entspricht. Zum Thema Emission sind dies eine eiweißangepasste Fütterung – z.B.: Spotmix, ein spezielles Entmistungssystem mit Kot – Harn Trennung, die Reduktion der emittierenden Flächen, eine Zuluftkühlung und ein vollflächig überdachter und isolierter Auslauf. Dieser neuartige Stall wurde nicht nur entwickelt, um einen optisch und geruchstechnisch ansprechenden Stall dem Konsumenten zeigen zu können, sondern auch unter Berücksichtigung der Investitionskosten, der Arbeitswirtschaftlichkeit und der Funktionssicherheit. Das genaue Reduktionspotential wird aktuell in mehreren Forschungsarbeiten gemessen! Die Tierwohlkriterien entsprechen der Labelstufe 3 (Entwurf staatliches Tierwohl Label in Deutschland). In einem weiteren Forschungsprojekt arbeiten wir gemeinsam mit der Fa. Döhler Agrar und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) an der Stabilisierung des Urins um die Stickstoffverluste weiter zu reduzieren.

Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb:

Die Fa. HÜTTHALER startete ziemlich parallel ebenfalls mit der Entwicklung eines gesamtheitlichen Systems im Bereich der Schweinehaltung. HÜTTHALER, der seit eh und je nur Schweine aus der Region schlachtet, sah, dass die Schweinbauern in der Region weniger und weniger werden – sein wichtigster Partner verschwindet! Um dem entgegen zu steuern, wurde das Projekt Hofkultur (www.hofkultur.at) geboren. Schweine mit besseren Haltungsbedingungen, wie z.B. doppelt so viel Platz wie konventionell, Auslauf ins Freie, Stroheinstreu, GVO-freie Fütterung, Ringelschwanz und Kastration unter Schmerzausschaltung durch den Tierarzt, kurze Transportwege sind einige der Hofkultur Grundsätze. Begonnen wurde mit 7 Landwirten und nur ausgewählten Filialen für die Vermarktung. Mittlerweile liefern mehr als 30 Betriebe an HÜTTHALER und das Programm misst in Österreich flächendeckend erhältlich. Die Haltung alleine war für HÜTTHALER noch zu wenig. Seit 2019 werden die Schweine in einem speziell entwickelten „gläsernen“ Tierwohlschlachthof (www.huetthaler.at) geschlachtet, natürliche Materialen, Musik, Befeuchtungsanlagen, kurze Treibwege ohne Ecken und Kanten, ein würdevoller Umgang mit den Tieren und somit weniger Stress sind einige der Details dieses europaweit einzigartigem Konzepts. Alles, bis auf die Tötung, kann über Glaswände von der Besuchergalerie aus beobachtet werden. Einzigartig ist auch die Einbindung von NGO´s bei der Erarbeitung des Haltungskonzeptes und Schlachthofplanung – somit sollten spätere Diskussionen von vorne herein vom Tisch sein! Die Schweine werden nach den Richtlinien Gesellschaft „ZUKUNFT TIERWOHL“ (Tierwohlverbessert) und dem Silberprogramm der „Vier Pfoten“ gehalten, zudem werden die Betriebe regelmäßig über die unabhängige Kontrollstelle „AGROVET“ überprüft.

Vermarkter:

Der österreichische Aldi-Süd - Tochter HOFER hat im Jahr 2013 das Projekt 2020 (www.projekt2020.at) gestartet. Im Teilprojekt FAIRHOF wird im Bereich Lebensmittel ein Weg zwischen Konventionell und Bio eingeschlagen, gestartet wurde mit Schweinefleisch (das Programm entspricht dem von Hofkultur). Aufgrund des guten Zuspruchs durch den Konsumenten wurde mittlerweile das Label FAIRHOF um Geflügel (Huhn und Pute) Rindfleisch und auch Milchprodukte erweitert (www.fairhof.at). Projekt 2020: Unter „Projekt 2020“ bündelt HOFER seit 2013 sein Engagement im Bereich Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung. Dazu gehören bestehende Umstellungs- und Optimierungsprozesse, ebenso wie Leuchtturmprojekte, die sich durch aktive Kunden- und Mitarbeitereinbindung auszeichnen. Inhaltlich konzentrieren sich die Projekte auf die fünf Schwerpunkte Gesundheit, Klimaschutz, Ressourcen, Vertrauen und Miteinander. Großer Teilerfolg: Seit Januar 2016 arbeitet HOFER zu 100% CO2-neutral und wurde dafür beim weltweit bedeutendsten Umweltpreis, dem Energy Globe World Award, mit dem 1. Platz in der Kategorie „Luft“ ausgezeichnet. Die Initiative „Projekt 2020“ wird inhaltlich von einem Stakeholder-Beirat bestehend aus externen Experten aus dem Energie-, Gesundheits-, Umwelt- und Medienbereich begleitet. Mittlerweile werden die Produkte auch über IKEA, UNIMARKT, MAXIMARKT, SPAR, NAH und FRISCH, M-Preis und MERKUR (Rewe) vertrieben.

Konsument:

Transparente Wertschöpfungskette: Der Weg vom Stall bis ins Regal ist nachverfolgbar. Sowohl bei HÜTTHALER, als auch bei HOFER und MERKUR, kann man auf der Fleischpackung sehen, von welchem Landwirt z.B. das Schnitzelfleisch geliefert wird (dahinter steckt ein ausgeklügeltes Logistiksystem, welches am Schlachtbetrieb der Fa. HÜTTHALER zum Einsatz kommt). Im Internet findet man zu den jeweiligen Lieferanten eine Betriebsbeschreibung, Bilder der Landwirtfamilie und auch vom Stall. Um die Kosten für den Konsumenten im Rahmen zuhalten, ist es wichtig, das ganze Schwein zu verarbeiten (Nose to Tail). Somit kommt das Fleisch nur um ca. 20% teurer als Konventionell und der Landwirt bekommt dafür um ca. 30% mehr bezahlt. Aktuell gibt es ein Sortiment mit mehr als 60 verschiedenen Produkten.

Der Aufwand lohnt sich für die Hofkultur Landwirte:

Sicherheit:

  • Abnahmegarantie für mind. 5 Jahre Preisaufschlag von rund € 48 netto pro Schwein
  • Börsenpreisabsicherung von mind. € 1,4 pro Kilo Fleisch
  • Weiterbildung durch Fachvorträge beim Hofkultur-Stammtisch

Zukunft:

  • 10 junge Landwirte, die wieder einen Anreiz gefunden haben in die Schweinhaltung zu investieren
  • 130 Landwirte im 50 km Umkreis stehen bei HÜTTHALER auf der Warteliste