„Es wird keine Plattformen geben“

Interview mit dem Marktfruchterzeuger Kaspar Haller zum Thema Start-ups

Alle Fotos: Kaspar Haller

 

Sehr geehrter Herr Haller, welchen Bezug haben Sie zum Thema Start-ups?

Einige Unternehmen habe ich selbst schon gegründet. Im Dezember 2019 haben wir im Bereich AgTech zusammen mit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen auf unserem Standort das „Praxis-Labor Digitaler Ackerbau“ eröffnet. Es hat zum Ziel, Innovationen im AgTech-Bereich praxistauglich zu prüfen und in der Umsetzung zu begleiten.

Es gibt unglaublich viele gute Entwicklungsprojekte, die aus verschiedenen Gründen die Marktreife nicht schaffen. Ein Hauptgrund liegt meiner Ansicht nach darin, dass aufgrund der Marktsituation im Agrarbereich viele die Notwendigkeit und insbesondere die Mehrwerte ihres Angebots nicht verständlich machen oder unabhängig validieren und sich dadurch letztlich nicht durchsetzen können. Und dass viele die Dynamiken und insbesondere die Größe des Marktes für solche Geschäftsmodelle falsch einschätzen.

Ein Beispiel: Es gibt aktuell ganz viele Unternehmen, die Satellitenbilderanalysen für verschiedenste Verfahren erstellen. Betriebsmitteleinsparungen können dadurch zwar prognostiziert, aber nicht validiert werden. Ein anderes ganz einfaches praktisches Beispiel: Es gibt Zwei-, Drei- und Vierbalkengrubber und viel berechtigte fachliche Diskussion darüber, welcher Grubber jetzt die bessere Arbeit macht. Niemand kann dazu eine validierte Aussage machen, ob man mit dem Dreibalkengrubber einen Doppelzentner mehr erntet. Dennoch haben sich in diesem Bereich einige Verfahren oder Technik gegenüber anderen durchgesetzt. Dies alles ist im Grunde zu validieren, ähnlich wie im Offizialversuchswesen, und messtechnologisch zu begleiten.

Die Start-up-Szene in der Landwirtschaft ist in Bewegung. In welchen Bereichen – AgTech, Plattformen, Agrarhandel – gibt es vielversprechende Gründungen für Landwirte, und worin liegt das Neue?

Ja, es gibt viele neue Gründungen: künstliche Intelligenz, Satellitendatenanalysen, Blockchain, Sensorik, Automation, Verrechnungen, Dienstleister. Was davon letztlich vielversprechend ist, kann ich gar nicht sagen. Es gibt darunter etliche tolle Sachen, aber durchgesetzt hat sich bis heute in dem sichtbaren Marktumfeld noch keiner.

Das Neue liegt in optimierten Anbauverfahren und Techniken, insbesondere im Bereich von technologischen Anwendungen, Berechnungen und Analytik, die dazu beitragen können, in der Zukunft ressourcenschonender zu arbeiten, um beispielsweise auf der Basis von verschiedenen Smart-Farming-Angeboten mittelfristig bis sogar kurzfristig komplett auf Pflanzenschutz verzichten zu können. Wir reden dabei gar nicht mehr über „Öko oder nicht Öko“, sondern wir sagen einfach, dass wir keinen chemischen Pflanzenschutz mehr brauchen, indem wir die Herausforderungen technologisch lösen. Darin liegt der Mehrwert.

Der Begriff Plattform ist für mich im Kontext des Agribusiness Unsinn. Alle, die im Agrarbereich über eine Plattform für den Agrarhandel sprechen, die dann vielleicht auch noch auf den deutschen oder europäischen Markt begrenzt ist, haben nicht verstanden, was eine Plattform ist. Eine solche Plattform wird es nicht geben. Dazu muss man sich nur einmal den Markt betrachten und identifizieren, an welchen Stellen welche Margen bei welchen Mengen erwirtschaftet werden. Wir haben in Deutschland ungefähr 130.000 operative landwirtschaftliche Betriebe. Davon werden in den nächsten Jahren noch etliche Tausend den Vollerwerb einstellen. Quantitativ haben wir eine durchschnittliche Produktion von rund 25 Millionen Tonnen Weizen. Auf dieser Basis kann man keine erfolgreiche Plattform für Commodities schaffen.

Sind die Entwicklungen reif für die landwirtschaftliche Praxis, und wie profitieren Landwirte?

In meinen Augen gibt es vereinzelt praxisreife Entwicklungen. Die große Herausforderung besteht aber darin, den tatsächlichen Mehrwert, ökonomisch oder – künftig relevanter denn je – ressourcenmäßig, durchzusetzen. Wenn eine solche Dienstleistung den Landwirt beispielsweise fünf Euro pro Hektar kostet, muss der Ertrag daraus mindestens das Dreifache sein.

Die Landwirte können künftig von den Entwicklungen profitieren, indem diese dazu beitragen, die Existenz der Betriebe zu sichern. Der Großteil der Entwicklungen ist aber nicht reif für die landwirtschaftliche Praxis, weil sie in der Regel zu teuer sind. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist nicht darzustellen. Über eine normale Mengendegression ist das auch schwierig verständlich zu machen. Ich glaube fest daran, dass kurzfristig politische Einflussnahme die größte Auswirkung haben wird.

Plattformen wie Amazon, Uber oder Airbnb revolutionieren den Handel, Fahrdienstleistungen und die Buchung von Hotels und setzen die Geschäftsmodelle etablierter Unternehmen unter Druck. Welche Bedeutung haben Plattformen für die Landwirtschaft? Sind ähnliche einschneidende Entwicklungen bspw. im Agrarhandel zu erwarten?

Die genannten Plattformen liegen allesamt einem B2C-Markt zugrunde. Landwirtschaft ist aber kein B2C-Markt. Wir befinden uns in einem reinen B2B-Markt, der anderen Ökonomien unterlegen ist. Es gibt vereinzelt Angebote von B2B-Lösungen, aber so fortschrittlich der Agrarmarkt allenthalben ist, leben wir hier noch in der Steinzeit. Viele Verbände und öffentliche Vertreter hoffen und sehnen sich nach einer Plattform, die die Nahrungsmittelversorgung respektive den LEH revolutionieren. Persönlich habe ich hier in den letzten zehn Jahren viel Erfahrungen sammeln dürfen, und auch große Marktteilnehmer versuchen seit mehreren Dekaden in diesem Segment erfolglos Fuß zu fassen. Dies verleitet mich schlussendlich zu der Aussage, dass nach heutigen Kennzahlen der Markt ein solches Geschäftsmodell schlicht nicht hergibt.

Der Agrarmarkt ist auf der Produktionsseite ein vielseitig aufgestellter Markt und auf der Abnahmeseite ein Fast-Monopol. Wenn man es weltweit runterbricht, gibt es heute vier große Handelsunternehmen, die unsere Produkte letztlich handeln – von Spezialkulturen einmal abgesehen. In dieser Marktkonstellation wird sich für den Landwirt selbst über Plattformen nichts ändern. Ganz im Gegenteil. Der Wettbewerb wird knallhart, und letztendlich wird über die Ressource Boden keine Kostendegression stattfinden, sondern nur eine Spezialisierung. Größenwachstum, darüber ist man sich auch in der Branche einig, ist nicht mehr alles.

Es existieren viele weltweite Plattformen im B2C-Geschäft, aber im Agrarbereich wird es Vergleichbares nicht geben. Wenn man letzten Endes nur vier Marktteilnehmer hat, die den weltweiten Handel mit landwirtschaftlichen Produkten halten – ADM, Bunge, Cargill und Dreyfus –, dann kann das nicht funktionieren. Diese Marktteilnehmer haben auch kein Interesse an einer Plattform, denn dahinter steht zu wenig Volumen und Marge.

Viele in Deutschland machen den Fehler, dass sie immer noch den deutschen Markt im Fokus haben. Der ist aber viel zu klein. Man muss in jeden Fall global und neu denken.

 

Zur Person

 

Kaspar Haller bewirtschaftet zusammen mit seiner Schwester Felicitas Naundorf in Königslutter am Elm (Niedersachsen) die Domäne Schickelsheim Klostergut Hagenhof GbR mit einer Bewirtschaftungsfläche von rund 600 Hektar. Außerdem zusammen mit seiner Frau Donata Haller die Domäne Schickelsheim www.schickelsheim.de, den dritten Ort für Familienunternehmen.